Leseförderung: Zum Lesen verführen

Lesen gilt als Schlüsselqualifikation für jede Art des Wissenserwerbs und der Informationsverarbeitung und wird als zentrale Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erachtet. Aufgrund der Zunahme der audiovisuellen Me¬dien gerät das Lesen leider immer mehr in den Hintergrund, wodurch es sowohl quantitativ als auch qua¬litativ beeinträchtigt wird.
Aber auch die Informationsgesellschaft der Zukunft baut auf Lesen auf: nur wer das Gelesene ver¬steht, kann von Daten zu Urteilen gelangen, von Symbolen auf Bedeutungen schließen, durch Infor¬mationen Wissen erwerben und durch Texte deren Sinn verstehen, was für eine kritische Medien¬nutzung insgesamt unerlässlich ist. „Lesen ist ein Schlüssel zur Medienkultur", findet Bettina Hurrelmann, Universitätsprofessorin a. D. für Germanistik und Literaturdidaktik an der Universität zu Köln.
In der Definition der PISA-Studie heißt Lesekompetenz „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen ..."

Lesen bietet mannigfaltige Vorteile.
Es...

o fördert die kognitive Entwicklung,
o erweitert den Wortschatz,
o entwickelt und fördert die Fantasie,
o fördert die Sprachentwicklung,
o steigert die Konzentrationsfähigkeit,
o schafft Zugang zu anderen Lebensräumen / erschließt die Welt,
o regt zur Entfaltung kreativer Fähigkeiten an,
o unterstützt die Persönlichkeitsbildung,
o fördert den Aufbau von Einstellungen und Haltungen,
o hilft mehr über sich selbst zu erfahren,
o hilft bei der Bewältigung von Problemen,
o erweitert Handlungskompetenz,
o dient als Kommunikationsmittel,
o liefert einen Einblick in die Literaturwelt,
o befriedigt Unterhaltungsbedürfnisse,
o ermöglicht sinnvolle Freizeitgestaltung.

Auch wir machten die Beobachtung, dass

o der Besitz von Büchern nicht selbstverständlich ist,
o das Lesen von Büchern nicht mehr selbstverständlich ist,
o es immer mehr „schwache Leser" gibt, die nicht über ausreichende Lesekompetenz verfügen,
o dass zwar flüssig, aber nicht sinnentnehmend erlesen wird,
o dass das Literaturangebot in unseren Schulbüchereien erweitert werden sollte.

Nicht nur die Lesefertigkeiten und -fähigkeiten gilt es zu vermitteln, sondern eine ausgeprägte und anhaltende Lesemotivation bereits in früher Kindheit zu entwickeln, damit Jugendliche und später erwachsene Buchleser bleiben. Da heutzutage in vielen Familien Lesen als Freizeitaktivität immer mehr in den Hintergrund tritt und somit eine wesentliche Basis zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Lesen hier nicht gelegt wird, gehört es zur vorrangigen Aufgabe der Schule, Lesebereitschaft und Leselust zu wecken und zu fördern und Grundsteine und Grundlagen zur Beschäftigung mit Literatur zu bieten.

Lesen ist ein komplexer kognitiver Prozess, eine Verknüpfung zwischen visuellen, akustischen, phonologischen und semantischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, deren Ausbildung durch geeignete didaktische und methodische Maßnahmen erreicht werden muss. Durch das veränderte Verständnis des Lesenlernens, Lesen durch Schreiben, sind bereits eindeutige Vorteile entstanden. So wird durch die Forderung des Schreibens von Anfang an ein wichtiger Schritt für den Aufbau der Lesesynthese erreicht, da beim selbsttätigen Aufschreiben der Wörter ständiges Synthetisieren und Analysieren gefordert wird. Im Anfangsunterricht wird zweifelsohne von jedem Kind die Technik des Lesens erlernt, muss jedoch auch über den Deutschunterricht hinaus gefestigt und automatisiert werden. Regelmäßiges Üben des Lesens muss im Unterricht einen hohen Stellenwert haben und darf nicht isoliert auf den Sprachbereich bezogen werden, denn auch die Förderung des Flüssiglesens und die Steigerung der Lesegeschwindigkeit wirkt sich auf den wesentlichen Zweck der Leseförderung, das Verstehen von Texten, aus.

Um Lesefertigkeit, Lesemotivation, ein positives lesebezogenes Selbstkonzept und Leseverständnis aufzubauen und zu steigern, müssen zum Schulalltag gehörende Formen entwickelt werden, die ritualisiert werden können.

Dabei sind für die Leseförderung in der Grundschule folgende Prinzipien von Bedeutung
(nach Friedrich Besch):

  • Schule und Klassenzimmer sollten eine anregende Leseumwelt bieten.
  • Kinder müssen Rückzugsmöglichkeiten zum individuellen Lesen in der Schule finden
    (freies Lesen) und Ausleihmöglichkeiten zum Lesen in der Freizeit vorfinden
  • Leseerfahrungen der Kinder müssen mehr als bisher zum Gegenstand des Unterrichts werden. Kinder müssen sich über Gelesenes austauschen, zu Büchern Projekte durchführen, selbst Bücher herstellen, Wandzeitungen zu Büchern erstellen, mit Autoren in Verbindung treten,...
  • Leseförderung muss fächerübergreifend gestaltet werden
  • Leseförderung muss Konzept des ganzen Lehrerkollegiums sein und sollte Eltern miteinbeziehen, damit schulische Lesekultur Teil des gesamten Schulleben wird
  • Die Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen (Stadtbibliotheken,...) sollte aktiv und regelmäßig betrieben werden.

Ein guter Leser ist der, der seine Leseform dem Lesestoff und seiner Absicht anpassen kann. Neben dem evasorischen/ erlebnishaften Lesen (zum Zeitvertreib, zum Vergnügen, zur Identifikation mit der Handlung oder Gestalten der Dichtung ...) sind auch kognitiv ausgerichtete Leserichtungen zu schulen.
So sind für den kindlichen Leselernprozess folgende Formen des Lesens von Bedeutung:

  • stilles Lesen zur Sinnentnahme;
  • lautes Lesen zur Sinnwiedergabe und Sprecherziehung;
  • informatives Lesen als Quelle Neues und Fremdes zu erfahren und Wissen dazuzugewinnen;
  • sinnverstehendes oder einprägendes Lesen, um sich zu aufmerksamen Lesern zu entwickeln, die sich mit Texten aktiv auseinandersetzen;
  • kritisches Lesen zum Mit-, Nach- und Weiterdenken,
  • kreatives Lesen, um im Sinne eines handlungs- und produktorientierten Unterrichts durch subjektive Vorstellungskraft und Einfallsreichtum eigene Wege der Wahrnehmung und Möglichkeiten des spielerischen Ausdrucks zu begehen.

Als ein wesentlicher Gesichtspunkt für Lehrer und Eltern sollten die zehn Thesen zur Leseerziehung von Willi Fährmann gelten:

1. Die Mutter aller Lesefreuden ist das Erzählen von Geschichten.
2. Das Vorlesen ist die kluge Schwester des Erzählens.
3. Die Vielfalt der Textsorten muss berücksichtigt werden.
4. Lesen ist immer ein selektiver Prozess.
5. Jedes Lesen hat seine Zeit.
6. Kinder- und Jugendliteratur ist poetisch geworden.
7. Die Literatur ist eine Schwester aller Musen.
8. Die Literatur bedarf der kundigen Lehrer.
9. Die Literatur bedarf des materiellen Hintergrundes.
10. Begeisterung steckt an.

Weiterhin beachtens- und sehr empfehlenswert zur Förderung der Lesekompetenz sind die „Zehn Wege der Texterschließung" nach Erika Altenburg:

1.  Schlüsselbegriff(e) des Textes klären
2.  Textteile antizipieren
3.  Text rekonstruieren
4.  Text ergänzen
5.  Text vom Ende her erschließen
6.  Text gliedern
7.  Texte vergleichen
8.  Text bildnerisch umsetzen
9.  Text grafisch umsetzen
10. Text szenisch umsetzen

Aufgabe des Lehrers ist, es Beobachtungen bezüglich des individuellen Medienverhaltens der Kinder anzustellen im Hinblick auf das Leseverhalten, die Leseinteressen und das Lesebedürfnis.
Hierbei ist vor allem die Leseentwicklung im Anfangsunterricht von Bedeutung. Im Sinne eines vernetzten Lernens mit allen Sinnen ist es wichtig, die unterschiedlichen Lernmuster der Kinder zu berücksichtigen und ihnen ein Angebot zu unterbreiten, das visuelle, verbale, motorische und sensorische Informationen mit einschließt und bestimmte Verfahren der Texterschließung eventuell bevorzugt.

Diskrepanzen innerhalb einer schulischen Lerngruppe können u.a. auftreten durch:

  • das unterschiedliche vorbildhafte eigene Leseverhalten der Erziehungsberechtigten,
  • durch verschiedene Freizeitaktivitäten der Familie,
  • durch zu wenig präsente Lesemedien,
  • durch Konkurrenz der audiovisuellen Medien.

Literatur für Kinder bietet aufgrund des quantitativen und qualitativen Angebotes Differenzierungsmöglichkeiten verschiedenster Art und als Kriterien können bei der Textauswahl und Aufgabenstellung soziale, methodische, didaktische, mediale, und thematisch-intentionale Aspekte bestimmend sein.

Erste Grundlagen für den Aufbau von Lesemotivation und einer stabilen Lesehaltung werden im Elternhaus geschaffen. Für ein erfolgreiches und umfassendes lesepädagogisches Konzept der Schule ist die Vorarbeit und kontinuierliche Zusammenarbeit der Eltern von wesentlicher Bedeutung und so sollte ein Augenmerk darauf gelegt werden, sie für die Initiativen und Ziele zu sensibilisieren, zu gewinnen und zur Mitarbeit zu bewegen und sie darin zu unterstützen. Dazu gehören:

  • Übersichten über geeignete Bücher
  • Vorstellen von Kinderzeitschriften
  • Hinweise auf Übersichten im Internet
  • Einsatz von Lesemüttern

Auch in Bezug auf den Einsatz des PCs als Arbeitsmittel auf dem Weg der Lesesozialisation sollen die Eltern gezielt angesprochen und um aktive Unterstützung geworben werden, z.B. beim häuslichen Einsatz des Programmes Antolin.

Weitere Aspekte wie die Förderung der Lesekompetenz von Schülern mit Migrationshintergrund, aus bildungsfernen Elternhäusern, sowie der Aspekt der deutlicheren Überzahl schwächerer Leser bei Jungen werden in der weiteren schulprogrammatischen Arbeit intensiv und detailliert bearbeitet.

Um möglichst viele Schüler zu einem dauerhaften interessierten und engagierten Leser zu machen, sind zahlreiche Maßnahmen und Angebote erforderlich. Für unsere Schule haben sich folgende Beispiele für unser Leseförderungskonzept angeboten. Viele der hier aufgeführten Aktivitäten werden bereits seit Jahren an unserer Schule praktiziert, einige Vorhaben wurden neu eingerichtet, andere überdacht und verändert, ebenso einige als weitergehende Perspektive eingeplant. Unterschieden werden kann weiterhin zwischen Maßnahmen, an denen sich die ganze Schule beteiligt und Verein-barungen, die verbindlich für alle Klassen sind und solchen, die zur Auswahl bereitstehen. Zu beachten ist, bei allem Freiraum der einzelnen Angebote, dass effektive Leseförderung, die überdauernde Lesemotivation bewirken soll, zum frühstmöglichen Zeitpunkt d.h. in der Leseanfangsphase einsetzen muss, und kontinuierlich fortzusetzen ist.

Aktivitäten der Schule:

  • Einrichtung einer Schülerbücherei
  • Schmökerstunden in der Bücherei
  • Schulzeitung "Menninghäuschen/Spriestersbächlein"
  • Lesefühstücke (Spriestersbach) / Lesestunden / Leseabende / Lesenächte
  • Ganzschriften als Klassensätze
  • Themenkisten aus der Schul- und Stadtbücherei
  • Besuch der Familienbücherei und Stadtbücherei
  • Buchausstellungen der Familienbücherei/ Stadtbücherei bei Schulfesten
  • Lesewettbewerbe
  • Projekttage zum Buch
  • Lese-AG in der OGS
  • wöchentlicher Besuch der Bücherei als OGS Angebot
  • Leseprojekt mit der Kita (wenn organisatorisch möglich)
  • Autorenlesungen (falls finanziell möglich)
  • Lehrerfortbildungen

Maßnahmen der Klassen:

  • Leseecken
  • Ganzschriften lesen
  • Herstellen von Büchern
  • Lesezeiten
  • Antolin
  • Vorleserituale
  • Vielfältige Leseübungen
  • Kommunikation über Gelesenes
  • Umfangreiches Lesematerial ( z.B. Lies mal )
  • Projekt-Zeitungslesen ( z.B. Lesepass)
  • Lesevorträge bei Feiern
  • Einsatz von Lesemüttern
  • Themen- Büchertische und Bücherkisten
  • eventuell Bücher als Geburtstagsmitbringsel für die Klasse
  • Lernzieldiagnosen und Leseförderung
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